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Ein Zweig knackt, als Linus sein Gewicht verlagert. Er sehnt sich danach, seine Beine zu strecken. Sie hocken im Gebüsch am Rand des kleinen Parks zwischen Theodor-Lorenz-Platz und Buchdornallee, wo tagsüber die Kinder von der Lorenz-Schule Tischtennis spielen und nachts die Obdachlosen auf den Bänken schlafen.
Der Boden ist feucht.
Linus zieht sein Handy umständlich aus der Hosentasche seiner Skinny-Jeans. Nieselregen bildet eine feine Schicht auf dem Bildschirm. Er wischt ihn an einem Hosenbein ab: 22:26.
„Scht“, macht Korbi, „Und mach’ sofort dein Handy aus, bevor uns jemand sieht.“
„Will nur schauen, ob Jul geschrieben hat“, flüstert Linus, steckt sein Handy aber weg.
Hoffentlich klappt bei Jul alles. Er musste seine Eltern regelrecht anflehen, dass sie ihn für einen Abend alleine lassen und zur Oper in die nächste Großstadt fahren. Aber weil Jul ihnen die Karten schon gekauft hatte, ließen sie sich schließlich überzeugen.
Linus stellt sich vor, wie Juls Eltern ihren Sohn nacheinander fest in den Arm genommen haben, und seine Mutter ihn auf die Schläfe geküsst hat.
Keine Ahnung, wann sein Vater ihn das letzte Mal umarmt hat.
Wobei Juls Eltern wahrscheinlich weniger gerührt gewesen wären, wüssten sie, dass auch Korbi und Linus jeweils ein Drittel der Karten bezahlt haben.
Linus spürt den Druck auf seiner Brust, der immer da ist, wenn er länger über Jul nachdenkt. Nervös fummelt er an dem schwarzen Panzertape, das er über den weißen Schriftzug auf seinem schwarzen Hoodie geklebt hat.
Korbi wippt mit einem Bein neben ihm, wie letzten Freitag während der Englischklausur. Auch er ist komplett in Schwarz gekleidet, nur seine verdreckten Sneaker haben ein paar weiße Stellen, die jetzt aufleuchten, als die Scheinwerfer des Golfs über das Versteck der beiden gleiten.
„Es geht los“, raunt Korbi.
Das Auto bleibt hinter einem dunkelgrünen Lieferwagen stehen, der an der Ecke parkt, wo sich Buchdornallee und Kiebitzstraße kreuzen. Der Fahrer, ein junger Mann mit dunklen Locken, schaltet den Wagen in den Leerlauf, steigt aus und holt zwei Thermoboxen aus dem Kofferraum. Er verschwindet damit im Hintereingang der Pizzeria am Eck. Wie jeden Abend.
Und wie jeden Abend lässt er den Schlüssel im Zündschloss stecken.
Linus und Korbi haben jetzt knapp zwei Minuten. Der Gastraum der Pizzeria ist auf der anderen Seite des Gebäudes, deswegen brauchen sie sich keine Sorgen machen, dass sie einer der Gäste sieht. Wobei an einem Dienstagabend bestimmt nicht viel los ist. Verdammte Kleinstadt.
Jul hatte die Idee. Früher, als er noch kickboxen konnte, ist er dreimal die Woche nach dem Training an der Pizzeria vorbei nach Hause gegangen. Fast jedes Mal stand der Golf da, bereit für die letzte Auslieferung des Abends. Bis 23 Uhr liefern die. Das hat Jul auf der Webseite nachgeschaut, als Korbi und Linus letzte Woche auf seinem Bett saßen.
„Und das Auto hat keinen Aufdruck, keine Werbung, einfach nur Grau.“ Jul drehte sich mit leuchtenden Augen auf seinem Schreibtischstuhl hin und her.
Und dann stand der Plan schon fest.
Natürlich wird Korbi fahren. Er ist vor zwei Wochen siebzehn geworden und der Einzige von ihnen, der schon ein paar Fahrstunden hatte. Linus will noch warten, bis er das Geld zusammen hat, und Jul …
Von Linus’ Bedenken ließ er sich jedenfalls nicht beeindrucken. Er hatte auf alles eine Antwort.
„Wenn die der Polizei das Nummernschild durchgeben, fischen die uns in Nullkommanichts aus dem Verkehr.“
„Wir schrauben einfach andere dran. Bis die das kapieren, vergehen ein paar Tage.“
„Und wo kriegen wir die her?“
Korbi unterbrach seinen Versuch, einen Tennisball so nah wie möglich an die Decke zu werfen: „Meine Eltern haben noch die von unserem alten Auto im Keller liegen, fällt denen bestimmt nicht auf, wenn wir die für eine Weile ausleihen.“
Klar, dass Korbi schon überzeugt war. Er tat alles, um ein paar Tage aus „diesem Scheißkaff“ rauszukommen. Letzten Sommer war er sogar mit seinen Cousins campen. Korbi hasst Campen.
„Und was, wenn wir trotzdem angehalten werden?“ Linus beruhigte Korbis Vorschlag wenig.
„Warum sollten wir?“ Jul drehte sich und den Schreibtischstuhl immer schneller um die eigene Achse.
„Hast du schon mal in den Spiegel geschaut? Wir sind drei halbstarke Jungs, wir werden doch sofort rausgezogen.“
„Korbi sieht viel älter aus, bestimmt wie zwanzig, wenn man ihn nicht kennt.“
„Schön. Vielleicht werden wir nicht aufgehalten. Aber hast du schon mal drüber nachgedacht, was wir machen, wenn …“ Linus schluckte. „Ich meine, was ist mit … deiner Versorgung?“
Linus blickte hilfesuchend zu Korbi, aber der konzentrierte sich wieder auf den Tennisball.
„Tabletten kann ich überall schlucken. Und selbst wenn was wäre, auch an der Nordsee gibt es Notaufnahmen.“
Damit war die Diskussion beendet.
Jetzt kriecht Korbi gebückt aus dem Gebüsch. Linus folgt ihm. Seine Knie sind weich, sein linker Fuß ist eingeschlafen.
Leise schleichen sie zum Golf. Die Straße ist leer.
Am Auto drückt Linus die Klappe des Kofferraums so vorsichtig wie möglich ins Schloss, Korbi setzt sich währenddessen hinter das Lenkrad. Linus blickt sich um und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Korbi legt bereits den Gang ein.
„Shit.“
„Was ist?“
„Der Scheißgang geht nicht rein.“
„Beeil dich, Mann.“
Linus starrt auf die geschlossene Hintertür der Pizzeria, bereit, auf die kleinste Bewegung zu reagieren.
Korbi braucht schon eine Ewigkeit.
„Jetzt mach’ schon.“ Linus’ Stimme ist zu laut.
Plötzlich lacht Korbi, als wäre er kurz vor einem Asthmaanfall.
Linus fährt auf seinem Sitz herum. Er spürt, wie sich die Haare auf seinen Armen aufstellen.
„Kannst du mal die Scheiße lassen“, schnauzt er Korbi an.
„Der Rückwärtsgang ist vorne, nicht hinten wie bei dem Mercedes von meiner Fahrschule.“
„Idiot!“ Linus dreht sich wieder zur Hintertür der Pizzeria. Die offen steht.
„Korbi, die Scheißtür ist offen!“
Fuck! Ruft der Typ gerade die Polizei? Wieso werden sie nicht schon längst festgehalten?
Linus klammert sich an den Türgriff, seine Beine sind bereit, um sein Leben zu rennen.
Erst jetzt merkt er, dass in dem Flur eine Gestalt steht, mit dem Rücken zu ihnen, ein Fuß hält die Tür nach innen offen. Vermutlich spricht der Typ mit jemandem, den Linus nicht sehen kann.
„Fahr’ los, Korbi. Der Typ hat uns noch nicht bemerkt.“
Korbi dreht hektisch den Schlüssel im Schloss, überdreht, lässt die Kupplung kommen.
Der Wagen fährt an.
Linus kann es kaum glauben. Doch als Korbi Gas gibt, heult der Motor auf. Der Typ an der Tür dreht sich um und reißt die Augen auf.
Linus duckt sich, Korbi setzt den Wagen zurück und schrammt dabei am Randstein entlang.
„Mach!“ Linus schreit.
Der Typ hält die Tür immer noch mit dem Fuß, er verlagert sein Gewicht, rutscht ab, und weil seine Hände die Thermoboxen halten, fällt die Tür vor seiner Nase zu.
Korbi dirigiert den Golf an dem grünen Lieferwagen vorbei, fährt, ohne nach links und rechts zu schauen, viel zu schnell auf die Kreuzung und biegt so scharf ab, dass Linus an die Seitentür gedrückt wird. Mit zittrigen Händen greift Linus nach dem Sicherheitsgurt.
Korbi brettert die leere Straße hinunter.
Linus atmet tief durch. Er kann nicht anders, als laut loszulachen.
Korbi lacht mit.
Zum Glück wohnt Jul nicht weit von der Pizzeria entfernt. Sie schlängeln sich durch ein paar Spielstraßen und sind da. Jul steht schon vor der Einfahrt, drei Rucksäcke und zwei Sporttaschen neben ihm, in der Hand hält er die Nummernschilder.
Er sieht echt beschissen aus. Jedes Mal ist Linus wieder erstaunt, wie mager Jul geworden ist.
Korbi stellt das Auto vor Jul ab. Sie steigen aus.
„Geil.“ Jul grinst die beiden an. Korbi nimmt ihm die Nummernschilder aus der Hand und macht sich am Golf zu schaffen. Er hat sich fünf YouTube-Tutorials angeschaut.
Linus vergewissert sich, dass sie keiner der Nachbarn beobachtet, und hilft Jul, das Gepäck einzuladen. Als Letztes legen sie Juls Krücken in den Kofferraum. Die benutzt er normalerweise nicht mal, wenn es ihm richtig dreckig geht. Linus weiß nicht, ob es ihn beruhigt oder er sich Sorgen macht, dass Jul sie freiwillig mitnimmt.
„Dreitürer? Old school“, meint Jul, als er die Beifahrertür aufmacht.
„Lass mich auf die Rückbank. Du setzt dich vorne hin, Jul.“ Linus betätigt den Hebel am Beifahrersitz. „Kommst du klar, Korbi? Wir müssen echt los, die Polizei fährt bestimmt schon die Gegend ab.“
„Mmh.“
Wie kann Korbi nur so verdammt ruhig bleiben? Linus merkt, dass er schon wieder an dem Panzertape auf seinem Pulli zupft. Er will einsteigen, aber Jul hält ihn am Sweatshirt fest.
„Der Krüppel soll also nicht auf die Rückbank?“ Jul zieht eine Augenbraue nach oben. „Das ist echt schwach.“
„Jul, lass’ gut sein. Wir haben gerade echt andere Probleme.“
„Korbi würdest du auch nicht einfach so den Beifahrersitz überlassen.“
„Jul, jetzt nimm doch einfach die Geste an. Linus will nur nett sein.“ Korbi ist fertig mit den Nummernschildern und klinkt sich in die Diskussion ein.
„Wenn ich nicht hinten sitze, fahr’ ich nicht mit.“ Jul schiebt Linus zur Seite, klettert auf die Rückbank und setzt sich mit verschränkten Armen hin.
„Fuck, Jul! Die haben bestimmt schon die Bullen gerufen, wir müssen hier so schnell wie möglich weg. Deine Eltern kommen auch bald zurück.“
„Dann wäre das ja geklärt.“
Korbi atmet genervt aus. Er bedeutet Linus, sich vorne ins Auto zu setzen, und steigt ein.
„Du kannst so ein Arsch sein, Jul.“ Korbi startet das Auto, das ihm dreimal abstirbt, bevor der Motor anspringt.
Linus muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Jul zufrieden grinst.
Während Korbi sie zurück durch die Wohngegend zur Hauptstraße lenkt, stellt Linus das Navi auf seinem Handy ein.
Als er aufblickt, blenden ihn die Scheinwerfer eines SUV, der über einen Speed Bump fährt.
Die Scheinwerfer senken sich.
Linus blickt in das Gesicht von Juls Vater.
Seine Mimik zeigt kein Erkennen. Oder? Doch?
„Duck dich, Jul.“
Aber es ist zu spät, der SUV ist bereits an ihnen vorbei.
„Haben sie uns gesehen?“
„Keine Ahnung.“ Korbi zuckt mit den Schultern.
„Sie merken eh spätestens, wenn sie nachschauen, ob ich schlafe oder an meiner Kotze ersticke, dass ich weg bin.“
Sie biegen auf die Hauptstraße, von der aus sie zur Autobahn kommen. Linus drückt mit einem unguten Gefühl auf den „Route starten“-Button. Juls Eltern werden sich bestimmt wahnsinnige Sorgen machen.
„Sie erreichen Ihr Ziel in vier Stunden und sechsundfünfzig Minuten“, kündigt die mechanische Stimme an.
„Geil, das wird absolut geil!“ Jul stützt sich mit den Armen zwischen die Vordersitze und grinst Korbi und Linus abwechselnd an.
Noch einmal ans Meer, noch einmal die Nächte durchquatschen, noch einmal nicht nachdenken.
Linus täuscht ein Gähnen vor und wischt sich unauffällig über die Augen.
„Klar, Jul“, sagt er und schaut aus dem Fenster. Leitpfosten rasen an ihnen vorbei, leuchten auf und verschwinden in der Dunkelheit.
