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Paul lehnt sich zurück und blickt aus dem Fenster. Die Lichter des Rollfelds werden immer kleiner bis sie zu einer dünnen Linie verschwimmen. Paul spürt das vertraute flaue Gefühl im Magen. Er öffnet seinen Kiefer, um den Druck auszugleichen.
Der Sessel neben ihm ist frei. Ein Flugbegleiter begrüßt ihn beim Namen und reicht ihm mit einer Servierzange ein kleines Handtuch. Paul legt es sich aufs Gesicht, spürt die Wärme, den leichten Zitronengeruch, atmet die Feuchtigkeit ein. In zwölfeinhalb Stunden landet sein Flieger in San Diego, Kalifornien.
Fünf Wochen waren sie dem COO von Spectro Techtronics in den Arsch gekrochen, hatten ihn und seinen Ehemann dreimal in den Club eingeladen, mussten zu einem High-Level-Approach switchen. Von wegen quick wins. Endlich kam der Vertrag unterschrieben in seinem Postfach an.
Nach ein paar Bier im Office gingen sie in eine Bar, dann in die nächste und in die nächste. Um halb drei stand Paul auf einem Sofa im Lounge-Bereich des Shallow und schüttelte eine Champagnerflasche. Der Korken flog, Schaum sprudelte, dreitausend Euro ergossen sich auf das dunkle Laminat.
Sebastian und Jasmin grölten. Christoph riss Paul die Flasche aus der Hand, legte einen Arm um eine junge Frau in einem Paillettenoberteil und füllte ihr leeres Glas. Sie sah der Rothaarigen ähnlich, die Paul letzte Woche mit nach Hause genommen hatte.
Der überdrehte Bass ließ seinen Magen vibrieren, weiße und violette Lichtstrahlen zuckten durch den Raum. Ihm wurde schlecht.
Paul übergab sich in die Toilette. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Das Erbrochene roch nach Magensäure und Gin.
Am Waschbecken wusch er sich die Hände und spülte seinen Mund aus. Er blickte nicht in den Spiegel, wollte sein bleiches Gesicht nicht sehen. Neben dem Waschbecken stand ein leeres Glas mit Eiswürfeln. Paul nahm einen heraus und rieb damit über seine Handgelenke. Er spürte nichts.
Der Eiswürfel glitt aus seiner Hand am Rand des Waschbeckens entlang und blieb im Abflussgitter liegen.
Paul ging aus der Toilette, drückte sich an verschwitzten Rücken vorbei zu ihrem Tisch. Die Musik dröhnte in seinen Ohren, Lichter tanzten vor seinen Augen, seine Schläfen pulsierten. Er wollte den Geschmack in seinem Mund loswerden, nahm ein unbenutztes Glas, füllte es mit Wodka und Red Bull und trank es in einem Zug aus.
Paul blickte sich um, sah in die geschwollenen Augen von Sebastian, betrachtete die eingefallenen Wangen von Jasmin.
Sein Blackberry vibrierte, er zog es aus der Hosentasche, der Bildschirm blieb schwarz. Er machte es an, vielleicht hatte er den Anruf verpasst. Nichts.
Christoph hatte immer noch einen Arm um die Rothaarige gelegt. Während sein Blick von ihrem Hals über die nackten Schultern nach unten und zurück wanderte, spiegelte sich das Gold ihres Oberteils in seinen Augen.
Ein Knall ertönte, Konfetti fiel von der Decke, die Menge auf der Tanzfläche rastete aus. Scheinwerferlicht streifte das Gesicht der Rothaarigen. Ein Tropfen von Christophs Speichel traf ihre Unterlippe. Buntes Konfetti lag auf seinem Haar.
Pauls Magen drehte sich um, er würgte, schluckte Magensäure und Red Bull. Er drängte sich durch die Menge, drückte sich mit den Ellbogen bis zum Ausgang.
Die kalte Nachtluft schlug ihm ins Gesicht. Paul fühlte sich, als könnte er zum ersten Mal atmen.
Als er an den Türstehern vorbeiging, blieb er an der roten Kordel hängen, riss die Absperrung zu Boden. Einer rief ihm hinterher, aber Paul rannte los.
Er lief die Straße entlang, immer schneller, die Lichter der Schaufenster verschwommen zu seinen Seiten. Er spürte das Stechen der kalten Luft in seinen Lungen, die Rillen der Pflastersteine durch die dünnen Schuhsohlen.
Er rannte, rannte, rannte, rannte, rannte, rannte.
Paul nimmt das Handtuch von seinem Gesicht, die Feuchtigkeit hinterlässt ein Spannungsgefühl auf seiner Haut.
Er hat kein Gepäck aufgegeben, es passt alles in seinen Rucksack. Den Griff der Zahnbürste hat er abgeschnitten, die Etiketten aus den Kleidungsstücken entfernt, jedes Gramm zählt. Der Platz in der Business-Class ist das letzte Stück Luxus für die nächsten fünf Monate.
Ein leiser Signalton erklingt. Paul öffnet seine Augen. Das Anschnallsymbol über ihm erlischt.
