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„Alle Mädchen mögen Hunde“, sagt Lukas und greift in das Fach des Getränkeautomaten. „Deswegen solltest du das so schnell wie möglich in den Griff kriegen.“ Er öffnet seine Dose mit einem Zischen und schlürft die übersprudelnde Limo weg. „Nicht nur wegen dem Park-Mädchen.“
„Bestimmt nicht alle.“ Ich schiebe Lukas zur Seite, um an den Münzschlitz zu kommen.
„Vielleicht nicht alle alle. Aber das Park-Mädchen hat einen Hund.“
Ich zucke mit den Schultern und drücke F-7.
„Vielleicht ist das gar nicht ihr Hund. Vielleicht gehört der einem Nachbarn oder so.“
Der Getränkeautomat rumpelt und ich ziehe einen Eistee raus. Lukas guckt mich wenig überzeugt an. Ich schultere meinen Rucksack und wir gehen Richtung Musiktrakt.
„Egal, wem der gehört. Solange du das Park-Mädchen nur mit Hund siehst, musst du dein Problem in den Griff kriegen.“
Ich zucke wieder mit den Schultern, aber ich weiß, dass er recht hat. Fragt mich nicht, wie viele Kilometer Umweg ich schon gegangen bin, wie viele Straßenseiten ich gewechselt, wie viele Ampelphasen ich abgewartet habe. Den Giese-Park meide ich komplett, weil da die meisten rumlaufen. Ich gehe immer über die alte Gleisbrücke, obwohl ich so neun Minuten länger nach Hause brauche.
Da habe ich das Park-Mädchen auch zum ersten Mal gesehen. Das war in der Woche nach den Weihnachtsferien. Seitdem sehe ich sie jeden Donnerstagnachmittag, wenn ich über die Brücke gehe und sie unten mit ihrem Hund am Fluss entlang spaziert. Nur einmal habe ich sie verpasst, als Steiner es mit seinem „Der Lehrer beendet die Stunde“-Komplex übertrieben hatte.
Manchmal hat sie Kopfhörer auf, meistens schaut sie einfach ihrem Hund zu, wie der so nah ans Wasser läuft, dass sich die Enten erschrecken, aber seine Pfoten nicht nass werden. Ich glaube, er hat Angst vor Wasser. Vielleicht nicht so viel wie ich vor ihm. Tatsächlich glaube ich, nicht mal die Enten haben so viel Angst vor ihm wie ich. Zumindest schwimmen sie immer wieder an die Stelle zurück, wo er auf sie wartet.
Irgendwie ist er auch ganz süß mit dem einen Schlappohr, das ihm fast ins Auge hängt. Aber glaubt mir, würde ich nicht in sicherer Entfernung ein paar Meter über ihm stehen –
Ihr könnt euch das wahrscheinlich nicht vorstellen, aber wenn so ein aufgerissenes Hundemaul auf mich zurast, sehe ich Kerberos. Ihr wisst schon, der mit den drei Köpfen.
Ich erstarre, kriege Herzrasen, meine Hände sind in Sekunden schweißnass. Dann habe ich Angst, dass der Hund das merkt und nervös wird, und ich werde noch nervöser, so richtig, mit Schwindel und Atemnot und so.
„Du brauchst eine Schocktherapie“, sagt Lukas.
Wir stellen uns zu den anderen Schülern, die darauf warten, dass Herr Reinhardt den Raum aufsperrt.
„Mein Cousin hat einen Kangal, wenn der auf mich zuläuft, mach ich mir auch ein bisschen in die Hose. Dagegen ist der Köter von deinem Park-Mädchen bestimmt ein Welpe.“
„Ich mach mir schon in die Hose, wenn ein Welpe an mir schnuppert. Wie soll ich bitte einen Kangal überleben?“
„Deswegen heißt es ja Schocktherapie.“
„Vielleicht sollte ich sie einfach vergessen. Sie weiß eh nicht, dass es mich gibt. Und selbst wenn ich es schaffe, sie anzusprechen … wahrscheinlich würde sie sich nicht mit mir treffen.“
„Ich höre mir nicht seit zwei Monaten an, wie süß sie mit ihrer Mütze aussieht und wie seltsam es ist, dass ihre Sneaker selbst im Schneematsch weiß bleiben, nur damit du jetzt den Kopf in den Sand steckst. Dann eben keine Schocktherapie. Aber irgendwas musst du tun.“
Lukas und ich setzen uns an unseren Tisch in der hintersten Reihe. Seit letzter Woche hat jemand einen unleserlichen Namen und ist eine Bitch auf die Tischplatte geschrieben.
Herr Reinhardt stellt seine Tasche aufs Pult.
„Sorry, Leute. Ich hab mich total verquatscht. Kommt nicht wieder vor, ja. Dann machen wir einfach die Abfrage kürzer. Selen, bist du vorbereitet?“
Er lässt sich von Selen ihr Heft geben und blättert zum letzten Eintrag. Sofort verfällt die Klasse in Gemurmel, ein paar drehen sich zu den Tischen hinter ihnen um.
„Was stört dich denn an Hunden?“, fragt Lukas.
„Ich weiß nicht. Sie sind … unberechenbar?“
„Aber wovor genau hast du Angst?“
„Dass sie mich beißen, denke ich? Keine Ahnung.“
„Hmm. Wie groß ist ihr Hund denn?“
„So“, sage ich und halte meine flache Hand zwischen die Sitzflächen unserer Stühle.
„Okay. Und der ist nie angeleint?“
„Nein, nie.“
„Hört er gut?“
„Meistens.“
„Hmm. Und du willst sicher keine Kangal-Therapie?“
„Witzig.“
„Dann musst du sie eben von Weitem fragen.“
„Ruhe bitte, ja? Damit Selen sich konzentrieren kann.“ Herr Reinhardt blickt in die Runde, bis es leiser wird.
„Soll ich sie anschreien oder was?“, flüstere ich. „Wie komisch kommt das denn? Dann läuft sie eher weg, oder schickt ihren Hund auf mich los.“
„Nicht anschreien. Flugpost.“ Lukas reißt eine Seite aus seinem Heft und schreibt. Seinen Arm legt er so, dass ich nichts sehen kann.
Nach einer Weile schiebt er das Blatt zu mir.
„Schreib hier deine Handynummer.“ Lukas tippt auf eine leere Zeile.
Ich lese erstmal:
Hey du,
ich sehe dich jeden Donnerstag, wenn ich von der Schule nach Hause gehe. Du machst echt einen coolen, sympathischen Eindruck. Meine Freunde müssen sich das schon seit Wochen anhören und langsam ist es echt genug. Hast du Lust, dich mit mir zu treffen? Ich würde dich ja ansprechen, aber ich habe eine Hundephobie. Ich hoffe, das ist kein Problem für dich. Vielleicht kannst du mir ja helfen, davon loszukommen. Schreib mir gerne.
Elias
„Meinst du wirklich?“ Ich schiebe das Blatt ein Stück von mir weg. „Ich weiß nicht.“
„Was soll denn passieren? Im schlimmsten Fall ignoriert sie dich, oder sie schickt dir Spamnachrichten. Dann blockierst du sie halt. Und die Hundetherapie kannst du dir auch erstmal sparen.“
„Ich dachte, alle Mädchen mögen Hunde?“
„Ich hab ja auch erstmal gesagt.“
Am Donnerstag nach der letzten Stunde gehe ich über die Gleisbrücke. Und weil ich nicht wirklich eine Ausrede habe, und es langsam echt peinlich wird, und Lukas mich bestimmt bis in alle Ewigkeiten nervt, und ich dem Kangal auf keinen Fall begegnen möchte – Lukas würde ich zutrauen, dass er mit seinem Cousin einfach mal bei mir vor der Tür steht – deswegen, und vielleicht auch, weil ich es mir selbst beweisen will, und, ihr kennt sie nicht, aber sie macht wirklich einen coolen Eindruck. Jedenfalls gehe ich über die Gleisbrücke und habe einen Papierflieger in der Hand, und zur Sicherheit noch einen zweiten im Rucksack.
Den Brief habe ich abgeschrieben, sie soll sich ja nicht in Lukas’ Handschrift verlieben, und den Satz mit den Freunden habe ich auch gestrichen.
Ich bin heute schneller gegangen und sie ist noch nicht ganz da, aber ich sehe sie in der Ferne. Stellt euch einfach das schönste Mädchen vor, das ihr kennt. Und dann noch zehnmal schöner. Mit einem Lächeln, das euch umhaut. So eins, bei dem ihr auch lächeln müsst, obwohl ihr gar nichts zum Lächeln findet.
Als sie fast unter der Brücke ist, und ihr Hund schon ans Wasser läuft, atme ich tief durch – kann nicht fassen, dass ich das jetzt wirklich mache – und rufe so laut ich kann:
„HEY.“
Den Flieger halte ich schon in Startposition und als sie nach oben guckt und mich verwirrt anlächelt, lächle ich hoffentlich selbstbewusst zurück und dann lasse ich den Flieger auf sie zugleiten. Es ist fast windstill und er landet vor ihren Füßen. Bitte, heb ihn auf, bitte, bitte, bitte, bitte.
Ihr Hund kommt auf sie zu gerannt und bellt.
Bitte, friss den Brief jetzt nicht, bitte, bitte, bitte.
Und dann bückt sie sich, der Hund hat das Interesse verloren und rennt auf die Enten zu, die davonfliegen.
Vielleicht sieht sie die Handschrift unter den Flügeln hervorblitzen, auf jeden Fall kapiert sie sofort.
Als sie den Flieger auseinanderfaltet und ich sicher bin, dass sie meinen Brief liest, drehe ich mich weg und gehe so schnell, dass ich gerade noch nicht renne, aber irgendwie doch fast.
