Sternenhimmel in der Sierra Nevada von Kalifornien.

Hunter und Spike

Lesezeit: 7 Minuten

Die Nacht ist sternenklar. Zach steht neben seinem Pickup auf einem Felsvorsprung irgendwo in den Serpentinen der Sierra Nevada von Kalifornien. Ein schwarzer SUV fährt an ihm vorbei, Staub wirbelt im Lichtkegel der Scheinwerfer auf. Das Auto bleibt am Rand des Vorsprungs stehen. 
Hunter und Spike steigen aus.
Sie tragen Sonnenbrillen, wie in einem verdammten Gangster-Film. Zach kommt eine Duftwolke Moschus entgegen.
Hunter spuckt vor ihm aus. An seinem Kinn bleibt etwas Speichel kleben, er wischt ihn mit dem Handrücken weg.
Spike nimmt seine Sonnenbrille ab: „Es geht um die letzte Fahrt, die du für uns gemacht hast.“
Zach nickt kurz, er erinnert sich.
„Es hat was gefehlt.“
„Und das fällt ihnen acht Jahre später auf?“ Zach hat mit allem gerechnet, einem neuen Auftrag, einem Kontakt, den er herstellen soll. Aber vor allem damit, dass ihn jemand tot sehen will. Die SIG Sauer liegt beruhigend schwer in seiner rechten Jackentasche.
„Ist doch scheißegal, wann es ihnen auffällt.“ Spike merkt, dass er zu laut gesprochen hat. Leiser sagt er: „Du bist gefahren.“
„Ich hab mit dem ganzen Dreck nichts mehr zu tun. Ich fahre nicht mehr.“
„Niemand will, dass du nochmal fährst.“
„Gut.“
Sie schweigen. Etwas Kleines huscht an ihnen vorbei, vielleicht ein Streifenhörnchen.
„Willst du gar nicht wissen, was fehlt?“
„Nein.“
„Wir erzählen’s dir trotzdem.“
„Dachte ich mir.“
„Gut.“
Jetzt nimmt auch Hunter seine Sonnenbrille ab. Er will sie in seinen offenen Hemdkragen stecken, verfehlt aber sein Shirt und die Brille landet im Staub. Er bückt sich und tastet im Dunkeln danach.
Spike ignoriert ihn. „In dem Transport war Kunst. Was von ‘nem Europäer, was weiß ich, waren so Mosaike.“
„Ja genau, Mosaike.“ Hunter hat seine Sonnenbrille gefunden und wuchtet sein Körpergewicht wieder in eine aufrechte Position. „War was mit exotischen Tieren dabei. Nilpferde, ‘n Tiger – nein, Panther oder Puma?“ Hunter überlegt. „Egal, auf jeden Fall war da wohl auch eins mit Papageien oder so.“
„Aras“, sagt Spike.
„Was?“
„Es waren Aras drauf.“
„Was soll das denn sein?“
„‘Ne Unterart, was weiß ich. Bin ich Ornithologe?“
„Was?“
„Vergiss es.“
„Gut.“
Hunter wendet sich wieder an Zach: „Also, zwei Mosaike mit Vögeln haben gefehlt. Haben die wohl erst jetzt gemerkt, weil der ursprüngliche Käufer damals abgesprungen ist, und man die Dinger nicht so leicht loskriegt. Sind immerhin ein paar Meter massiver Beton.“
„Und was genau hab ich mit der Sache zu tun?“ Zach dauert das Treffen schon viel zu lange.
„Der Verkäufer kann beweisen, dass die fehlenden Mosaike in dem Transporter waren. Zumindest zu dem Zeitpunkt, als du ihn abgeholt hast. Nachdem du die Lieferung abgegeben hast, wurden die Mosaike sofort in den Bunker von dem Ehepaar gebracht. Der ist absolut einbruchsicher, und da war auch seitdem niemand anderes drin. Das bedeutet, sie müssen während der Fahrt verschwunden sein. Und in dem Zeitraum warst du für die Ware verantwortlich.“
Hunter nickt zustimmend.
„Die Dinger standen acht Jahre irgendwo rum. Da kann sonst was passiert sein. Das Ehepaar hätte die Ware eben gleich überprüfen müssen", sagt Zach.
„Haben sie. Sie wussten aber nichts von den Vögeln. Das hat ihnen der neue Käufer gesagt. Und der Verkäufer versichert, dass das Set komplett war. Inklusive Vögel.“
„Was kann ich dafür, dass sie ihre Lieferung nicht genau kannten. Ich habe meinen Auftrag abgeschlossen.“
Zach will so schnell wie möglich von hier weg. Er greift nach dem Türgriff seines Pickups. Noch bevor er die Tür öffnet, schlägt links neben seiner Hand eine Kugel ein.
Zach fährt herum, die SIG Sauer liegt ruhig in seiner ausgestreckten Hand.
Hunter und Spike zielen auf Zach.
Zach zielt abwechselnd auf Hunter und Spike.
„Wir besprechen das jetzt ganz in Ruhe zu Ende“, sagt Spike.
„Ganz in Ruhe“, sagt Hunter.
Zach spürt, wie sein Herz um sein Leben schlägt.
„Auf drei“, sagt Spike. „Eins, zwei, …“
Sie lassen die Waffen sinken.
„Du bist ganz schön wendig, für einen alten Mann.“ Hunter steckt seine Waffe in den Hosenbund.
„Danke.“ Auch Zach packt seine Waffe wieder in seine Jacke.
„Genug Komplimente.“ Spike ist ungeduldig. „Erzähl uns ganz genau, was damals auf der Fahrt passiert ist. Welche Strecke hast du genommen, wo warst du pissen, vor welchem Supermarkt hast du geparkt?“
Zach fügt sich seiner Lage, erstmal kommt er hier nicht weg.
„Ich bin pünktlich am Treffpunkt angekommen, hab meinen Wagen abgestellt und die Schlüssel stecken lassen. Dann bin ich in den Transporter gestiegen, der schon bereitstand. Meinen Wagen hat Perry später abgeholt und verschrottet. Die Schlüssel zum Transporter waren am Abend vorher in meinem Briefkasten. Die Strecke weiß ich nicht mehr, das ist verdammte acht Jahre her. Aber der Transporter wurde doch mit Sicherheit getrackt?“
„Wir wollen’s aber von dir wissen“, sagt Hunter.
Der Transporter wurde also getrackt? Zach versucht Hunters Gesichtsausdruck zu deuten.
„Dann hättet ihr ein paar Jahre früher fragen müssen.“
„Streng dich an.“
„Ich hab wenig Pausen gemacht, wollte die Sache möglichst schnell durchbringen. Hab den Wagen bei jedem Stopp nach Spuren abgesucht. Niemand, der Fragen gestellt hat oder auffällig unaufällig in der Nähe stand. Was wollt ihr von mir hören?“
„Vielleicht was hierzu.“ Spike fasst sich an die hintere Hosentasche, Zach greift automatisch in seine rechte Jackentasche. Aber Spike zieht nur ein Foto hervor.
Zach streckt seine Hand danach aus, Spike zieht es weg.
„Nur gucken.“
„Wer soll das sein?“ Das Foto stammt von einer Überwachungskamera. Es sind zwei Personen zu sehen, die vor der Haustür von einem Wohnkomplex stehen.
„Tu nicht so. Das bist du, und die Frau heißt Monica. Vielleicht erklärst du uns, wieso du auf einer Fahrt eine deiner Liebeleien besucht hast?“
„Woher kennt ihr Monica?“ Zachs Stimme ist hart.
„Wir haben sie besucht“, sagt Spike.
„Wann?“
„Keine Sorge, wir haben nur geredet. Sie hat zwei Kinder, eins auf dem College, eins macht gerade die Highschool fertig. Also, warum warst du damals bei ihr?“
„Ich habe mich verabschiedet.“
„Süß. Und weiter?“
Was hat Monica ihnen erzählt? Und warum hat sie sich nicht bei ihm gemeldet?
„Was wollt ihr denn wissen?“
„Clever, Zach. Aber gut, beschleunigen wir das Ganze: Wir wissen, dass du den Schlüssel nicht hast stecken lassen. Wir haben auch Perry einen Besuch abgestattet. Du hast Monica den Schlüssel zu deinem Wagen gegeben. Was hat sie mit dem Auto gemacht?“
„Hört mal, Jungs, das hat doch alles nichts mit den Mosaiken zu tun. Ich habe ihr aus einer schwierigen Lage geholfen. Sie brauchte ein Auto, das niemand zurückverfolgen kann.“ Zach spürt, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Spike und Hunter wissen mehr, als er befürchtet hat.
„Spiel nicht den Retter auf dem weißen Pferd. Du hast die Regeln gebrochen: zwei Fahrten an einem Tag. Der Wagen war noch von deinem Auftrag davor. Monica war Teil davon und brachte den Wagen nicht zum Verschrotten, sondern zu Mason Clark zurück. Für den du damals gefahren bist.“ Spike geht einen Schritt auf Zach zu. „Rate mal, wer der Vater von Monicas Kindern ist?“ Er wartet Zachs Antwort nicht ab: „Und rate mal, wer Mason gesagt hat, wo genau du deinen Wagen gegen den Transporter tauschst?“
Zach kann es nicht glauben. Monica und Clark?
Wer für ihn arbeitet, ist so gut wie tot. Den Auftrag für Clark hat er damals nur wegen ihr gemacht.
Zach zwingt sich, klar zu denken.
„Sagen wir, Clark wusste von der Fahrt und konnte einen Peilsender an den Transporter anbringen, bevor ich losgefahren bin. Wann soll er die Mosaike rausgeholt haben? Die klemmt man nicht einfach unter den Arm.“
„Das wissen wir auch nicht“, sagt Hunter.
Spike grinst: „Und genau deswegen wirst du Mason für uns finden.“

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