Der Mond leuchtet rötlich über einem See.

Mushroom Moon

Lesezeit: 27 Minuten

Er stirbt, immer und immer wieder. Aber kein Wunder, die engen Bergstraßen, die mehr Rutschbahn als Straße sind, verlangen dem Ford Fiesta alles ab. Vor ein paar Sekunden noch raste Tessa die einspurigen Serpentinen hinauf, als würde sie der Hardstyle-Remix von Killing Me Softly besessen machen, der die Türen in ihren Rahmen vibrieren lässt. 
Malik und ich haben die Hände seit der ersten Biegung in die Rückbank gekrallt und tauschen mit unseren Blicken stumme Gebete.
Jetzt stehen wir an einer Steigung und nur die Handbremse sorgt dafür, dass wir nicht zurückrollen. Joshi skippt ein paar Lieder weiter, ich merke keinen Unterschied zum vorherigen Remix und gerade wäre mir sogar Maliks Opa-Musik lieber, aber ich schätze you can’t always get what you want.
„Mach die verdammte Scheiße aus!“, schreit Tessa, sodass Joshi in einer Übersprungshandlung das Klinkenkabel zieht und alles mit einer Tinnitus-artigen Rückkopplung verstummt.
Die Stille ist fast unheimlich.
Tessa rammt den Schaltknüppel erneut in den ersten Gang, löst die Handbremse und endlich bewegt sich das Auto im Schneckentempo vorwärts. Kiesel knirscht unter den Reifen.
„Sorry“, sagt Tessa, „Aber bei dem Shit kann ich nicht denken.“

Irgendwann sind wir da. Die Kilometeranzeige des Navis verringert sich zuverlässig um hundert und wieder hundert Meter, bis der Wanderparkplatz vor uns auftaucht.
Wir hieven unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum, tauschen Sneaker gegen Wanderschuhe und marschieren los.
„Sophie, nicht so schnell“, ruft Tessa. Sie und Joshi stehen ein gutes Stück weiter unten am Berg.
„Malik, warte“, schreie ich in die andere Richtung.“ Malik bleibt auf einem Felsvorsprung stehen.
„Was?“, schreit er zurück.
„Was?“, gebe ich an Tessa weiter.
„Hier sind Blaubeeren.“
„Blaubeeren“, schreie ich zu Malik zurück.
Malik gibt einen Daumen nach oben.
Ich setze mich auf eine Baumwurzel. Wenn Joshi sich auf etwas fixiert hat, kann es eine Weile dauern.
Malik klettert zu mir herunter und schneller als gedacht bewegen sich auch Tessa und Joshi zu uns.
Joshi hält seine Hände vor sich, als würde er den letzten Schluck Wasser auf dieser Erde tragen.
„Habt ihr ’ne Tüte?“
Ich schüttle den Kopf, aber Malik kramt aus seinem Rucksack einen verknitterten Gefrierbeutel hervor. Er nimmt den Apfel heraus und reicht die Tüte Tessa, die sie für Joshi aufhält, damit er die Beeren reinkullern lassen kann.
Die Linien auf seinen Händen sehen aus wie violette Blutgerinnsel. Er wischt sie an seiner Hose ab.
„Was haltet ihr davon, wenn wir Pilze für unser Abendessen sammeln? Da unten waren ganz viele“, sagt Joshi und zieht einen Pilz aus der Tasche seines Pullis. Er hat einen glänzenden, braunen Hut und darunter gelbliches Gewebe, das mich an die Struktur von Korallenriffen erinnert.
„Hast du denn Ahnung von Pilzen?“
„Ne, aber ich hab diese App. Die erkennt alles.“ Joshi zieht sein Handy aus der Hosentasche, tippt und scrollt.
„Butterpilz. Das muss er sein. Die Farbe stimmt. Wächst in der Nähe von Kiefern.“
Tessa und ich gucken uns skeptisch an, aber Malik scheint schon überzeugt und macht sich an den Abstieg. Joshi bindet sich seinen Pullover zu einer Tragetasche um.
„Da unten waren zumindest Kiefern“, sagt Tessa mit einem Schulterzucken.

„Weiter geht’s“, sagt Joshi und grinst in die Runde, ein Arm stützt seine Pulli-Tasche, die randvoll mit Pilzen ist.
„Wir checken das später nochmal, ich halte ihn schon am Boden“, flüstert mir Malik zu. „Hab auch noch einen Haargummi übrig, falls wir heute Nacht alle über der Schüssel hängen.“
Ich ziehe meine Mundwinkel zu einem Lächeln.
Wir steigen den Berg wieder nach oben. Allerdings kommen wir nur bis zu dem Felsvorsprung, wo Malik vorhin stand.
„Guckt mal, eine Schlange“, ruft Tessa.
„Ist bestimmt nur eine Blindschleiche“, sage ich.
„Ne, Alter, echt.“ Joshi stützt sich auf meinen Schultern ab, um besser zu sehen. „Guck mal, Sophie, der läuft schon das Wasser im Mund zusammen.“ Er gibt mir einen leichten Schubs, aber weil ich nicht damit rechne, falle ich fast. Malik fängt mich im letzten Moment auf.
„Du Idiot! Was soll das denn? Kannst du dich einmal nicht wie ein Zwölfjähriger aufführen?“ Ich klopfe mir Staub von meiner Kleidung, der gar nicht da ist.
„Ich wollte noch ein Foto machen“, brummelt Tessa.
Unser Tumult hat die Schlange verscheucht.
„Was, glaubst du, war das?“, sagt Joshi zu Malik.
„Könnte schon ’ne Kreuzotter gewesen sein.“
„Frag halt deine App“, motze ich, aber eigentlich will ich gar nicht sauer sein. Wer weiß, wann wir das nächste Mal alle zusammen sind.

Wir brauchen fast doppelt so lange zur Hütte wie angegeben. Ich bin verschwitzt und müde, als wir sie von Weitem sehen. Das heruntergekommene Holzhaus ruht auf einem kleinen Grashügel.
„Boah!“ rufen Malik und Joshi gleichzeitig und bleiben stehen, sodass Tessa fast in sie reinläuft und ich fast in Tessa.
„Was ist denn jetzt wieder?“, rufe ich nach vorne. Ich habe mir eine Blase gelaufen und will einfach nur meine Schuhe ausziehen. Sehnsüchtig blicke ich zu der Bank neben dem Eingang der Hütte.
„Was ist denn je—“, sagt auch Tessa, aber dann verstummt sie und bleibt mit großen Augen neben Joshi stehen. Die drei bilden einen Kreis. Ich dränge mich zwischen Joshi und Malik.
Auf dem Boden windet sich eine giftgrüne Raupe unter dem Angriff von mehreren Duzend Ameisen.
„Wollen wir ihr nicht helfen?“ Tessa geht in die Hocke und betrachtet die Raupe, die in unregelmäßige Zuckungen verfällt. Aber die Ameisen lassen sich nicht abschütteln.
„Mach doch“, meint Joshi.
Wir starren weiter auf die Raupe.
„Vielleicht, wenn wir einen Stock nehmen und die Raupe draufklettern kann?“, sage ich.
Wir gucken uns um, auf dem staubigen Weg ist weit und breit kein Ästchen zu sehen. Wir haben die Bäume längst hinter uns gelassen. Die Sonne brennt mir ins Gesicht.
„Vielleicht hiermit?“ Malik macht ein paar Versuche, der Raupe mit einem Grashalm zu helfen, aber sie kann sich nicht festhalten.
„Wir müssen die Ameisen von ihr runterkriegen“, sagt Tessa.
„Aber es sind so viele“, meint Joshi.
Malik versucht mit dem Grashalm ein paar der Ameisen runterzuschieben, aber die meisten haben sich schon festgebissen. Der Rest klettert sofort wieder zurück auf die Raupe.
Wir beschließen, der Natur ihren Lauf zu lassen, und gehen etwas bedrückt den Grashügel zur Hütte hinauf. Der Schlüssel liegt unter der Bank. Hoffentlich haben die Vermieter wirklich Bettdecken, Handtücher und unsere Vorräte hingebracht. Tessa schließt auf.
Die Tür knarzt, als wir eintreten, aber obwohl die Hütte von außen alt und düster aussieht, ist sie innen mit hellem Holz eingerichtet und gepflegt. In dem großen Raum liegen in einer Ecke vier Matratzen auf dem Boden, mit Bettzeug und Handtüchern, in der Mitte steht ein Tisch mit einem Kerzenständer und vier Stühlen und neben der Eingangstür ist ein Holzofen.
Malik macht die Schränke auf. Zwischen Tellern, Tassen, Besteck und Töpfen sind dort auch jede Menge Vorräte, viel mehr, als wir bestellt haben.
Joshi lässt die Pilze von seinem Pulli auf den Tisch kullern und stellt die Tüte mit den Beeren daneben.
„Das wird ein geniales Abendessen.“
„Erstmal baden?“, fragt Malik.

Der See liegt hinter der Hütte ein Stück den Berg hinunter, wo auch wieder Bäume wachsen. Wir kämpfen uns durch ein kurzes, dichtes Waldstück. Unsere Sachen legen wir auf einem flachen Stein ab, der direkt ins Wasser führt.
Der See ist eiskalt, aber ich gehe zügig hinein und schon bald gewöhnt sich mein Körper daran.
Malik schwimmt auf mich zu und ich weiß, dass er mich untertauchen will, also schwimme ich von ihm weg.
„Vergiss es“, rufe ich über meine Schulter und im nächsten Moment schlucke ich Wasser. Alles um mich herum wird schwarz, Joshis Hände drücken auf meine Schultern und halten mich unter Wasser. Ich strample, versuche seine Arme wegzuschlagen, trete ins Leere, schlucke noch mehr Wasser.
Im nächsten Moment bin ich frei und huste. Rotz läuft aus meiner Nase. Ich sehe verschwommen.
„Shit, shit! Alles okay?“ Ich spüre einen Arm, der mich über Wasser hält und dann ist Maliks Gesicht neben mir.
„Bist du okay?“
„Sophie, alles okay?“, ruft Joshi, der jetzt auch neben mir schwimmt.
Ich huste und nicke, sprechen kann ich nicht, aber wieder atmen. Ich will festen Boden unter den Füßen spüren, und Malik scheint das zu erraten, als ich mich in seinem Arm Richtung Ufer drehe.
„Kannst du schwimmen?“
Ich nicke wieder, ich will raus aus dem Wasser. Malik lässt mich los und ich mache einen Zug nach dem anderen. Meine Arme und Beine fühlen sich schwer an. Die Strecke zum Ufer scheint endlos.
Malik schwimmt neben mir und lässt mich nicht aus dem Blick. Ich merke, dass ich nicht nur Wasser, sondern auch Tränen in den Augen habe. Ich versuche, mein Gesicht etwas von Malik abzuwenden und blinzle so oft, wie es mir nicht zu auffällig erscheint.
„Sorry, Sophie“, ruft Joshi aus dem Wasser, als ich den Stein nach oben klettere. Ich rutsche aus und schramme mir das Knie auf.
Die Sonne wärmt meinen Körper, aber durch den Schock und das kalte Wasser zittere ich so stark, dass ich meine Kiefer zusammenpressen muss, damit sie nicht aufeinanderschlagen. Ich wickle mein Handtuch um die Schultern. Es ist von der Sonne ganz warm. Malik setzt sich neben mich und legt sein Handtuch über meine angewinkelten Beine und mein blutendes Knie.
Ich spüre, dass er versucht, meinen Gesichtsausdruck zu lesen.
„Das muss echt unheimlich gewesen sein“, sagt er. Die Härchen an seinen Armen haben sich aufgestellt. Er blickt aufs Wasser. „Tut mir leid, das war echt … blöd. Echt eine blöde Aktion.“
Ich nicke und würde ihm gerne sagen, dass ich okay bin, aber meine Kiefer machen noch nicht mit.
„Bist du sauer?“, fragt er und guckt mich jetzt an.
Ich schüttle den Kopf.
„Ich würde echt verstehen, wenn ja. Du solltest wahrscheinlich sauer sein.“ Er lächelt vorsichtig.
„S-sollte ich wahrsch-scheinlich“, sage ich.
„Oh shit, du frierst ja total.”
Malik springt auf, greift nach meinem Kleiderhaufen und bringt ihn mir.
„Wie macht ihr Frauen das? So einen Handtuch-Vorhang?“
Ich stehe auf, lege mein Handtuch um mich und reiche ihm die beiden oberen Ecken.
„N-nicht f-fallen lassen“, sage ich.
Ich trockne mich mit Maliks Handtuch ab und ziehe umständlich meinen Badeanzug aus und meine Unterwäsche an. Dann mein T-Shirt.
Malik guckt Tessa und Joshi zu, die gerade um die Wette schwimmen. Wasser perlt aus seinen Haaren über seinen Nacken den Rücken runter. Die Sonne hat seine Haut schon getrocknet.
„Okay“, sage ich, und Malik nimmt das Handtuch weg. Er guckt etwas zu lang auf meine nackten Beine und merkt es. Ich ziehe meine Sweatjacke über und dann setzen wir uns wieder auf den Stein. So nah, dass ich meinen Kopf in seine Halsbeuge legen könnte.
Manchmal frage ich mich, warum er mich noch nicht geküsst hat. Warum er nicht nach einem Date fragt, verstehe ich. Ein Date kann man nicht weglächeln, das passiert nicht einfach so. Aber einen Kuss kann man immer entschuldigen. Manchmal reißt einen der Moment einfach mit. Warum reiße ich ihn nicht mit?
„Wollen wir schon mal zurück, Essen vorbereiten?“
Ich nicke und meine Wangen werden warm. Darüber hat er gerade nachgedacht?
Wir geben Tessa und Joshi Bescheid und gehen durch das Gestrüpp zurück. Malik geht voran und hält den Weg frei, damit ich mir an den Zweigen meine Beine nicht aufschramme. Ein paar Schrammen kriege ich trotzdem.
In der Hütte sind Pflaster und ich klebe mein Knie ab, dann kann ich auch wieder in meine Hose schlüpfen.
Wir beginnen, die Pilze zu sortieren. Ich koche gerne mit Malik. Er nimmt sich immer Zeit, schneidet das Gemüse in gleichmäßige Würfel, wartet, bis das Öl in der Pfanne zerfließt. Außerdem genieße ich es, dass wir zu zweit sind. Dann muss ich nicht überlegen, was ich sage. Eigentlich müssen wir dann gar nicht reden.
Doch noch bevor wir mit dem Sortieren fertig sind, stürmen Joshi und Tessa in die Hütte.
„Wir sollten die Pilze echt nochmal checken“, meint Tessa, als ihr Blick auf unsere Haufen fällt.
Joshi öffnet die App. Wir lesen die Steckbriefe durch und drehen die Pilze zwischen unseren Fingern, um sie genau zu betrachten.
„Die hier müssen weg“, meint Tessa.
„Ne, guck doch, wenn die Lamellen unten so sind, dann ist das der hier“, sagt Joshi.
„Aber guck mal hier, die Lamellen sind eigentlich so wie bei dem, der wurde nur angefressen“, sagt Tessa.
„Wenn wir unsicher sind, sollten wir’s echt nicht riskieren“, meint Malik. „Ich hab keine Lust, dass wir heute Nacht die Hütte vollkotzen.“
„Genau, lass die mal lieber weglassen“, sage ich. Mir ist bei der ganzen Sache nicht besonders wohl, aber die Pilze riechen wirklich gut und ich will auch nicht die Euphorie der anderen kaputt machen. So ein selbstgesammeltes Essen wäre eine schöne Erinnerung an heute.
Als wir fertig sind, haben wir zwei genießbare Haufen mit Butterpilzen und Steinpilzen. Außerdem einen großen Birkenporling, der schwer in der Hand liegt, aber von allen am besten riecht. Anscheinend ist er nicht wirklich essbar, aber man kann einen Pilztee daraus kochen. Im Regal sind noch ein paar Minzteebeutel und eine Packung mit grünem Tee.
„Du machst das Essen, ich kümmere mich um den Tee“, meint Joshi zu Malik.
„Ich helf dir“, sage ich zu Malik.
„Sagt Bescheid, wenn ich was tun kann.“ Tessa streckt sich und lässt sich auf eine der Matratzen fallen.
Wir waschen die Pilze, entfernen schlechte Stellen, gucken nach Insekten und schneiden sie in Scheiben. Malik brät Zwiebeln und Knoblauch an und innerhalb von wenigen Minuten riecht der ganze Raum danach.
Tessa hat einen kleinen Lautsprecher dabei und macht Pink Floyd an.
„Für den Koch“, ruft sie von der Matratze.
Malik grinst und wippt mit der Hüfte im Takt.
Ich habe nichts mehr zu tun, und setze mich neben Joshi an den Tisch, der in sein Handy vertieft ist. In einem Topf auf dem Herd köchelt der Birkenporling zusammen mit ein paar Teebeuteln.
„Geil, guck mal hier“ Joshi hält mir sein Handy hin. „Wir werden alle high.“
„Was?“
„Hier, dem Birkenporkling, oder wie auch immer, wird eine halluzinogene Wirkung nachgesagt. Wie krass wäre das denn, Magic-Mushroom-Tee.“
„Echt jetzt?“ Ich nehme Joshi das Handy aus der Hand, um den Rest des Artikels zu lesen. Seit ich Die dunkle Seite des Mondes gesehen habe, weiß ich, dass ich niemals Pilze nehmen werde.
Aber tatsächlich, der Pilz hat wohl einige Superkräfte, wundheilend, antibakteriell, wurde früher oft für Kranke gekocht, leicht halluzinogen.
„Was, glaubt ihr, bedeutet leicht halluzinogen?“, frage ich.
„Habt ihr Die dunkle Seite des Mondes gesehen?“, sagt Malik vom Herd, während er Nudeln in kochendes Wasser rutschen lässt.
„Was haben wir gesehen?“, fragt Joshi.
„Das haben wir damals bei der Stadler gelesen“, sagt Tessa. „Das mit dem Typ, der nicht mehr von seinem Pilztrip runterkommt und Menschen umbringt.“
„Was jetzt, gesehen oder gelesen?“, fragt Joshi.
„Ist ein Film, aber vielleicht war das auch erst ein Buch“, sagt Malik.
„Krank“, meint Joshi, „Also dann sowas wie True Crime?“
„Ne, Mann, das ist ausgedacht“, sagt Malik.
„Früher hat man Birkenporling wohl gekocht und den Tee Kranken gegeben“, sage ich, um irgendetwas zu sagen.
„Wenn man den sogar Kranken gibt, dann wird an den Halluzinogenen schon nichts dran sein“, sagt Malik.
„Aber was, wenn die Fieberträume von den Pilzen kamen, und sie dachten nur, es wären Fieberträume?“, wirft Joshi ein, und ich wünschte, es würde weniger plausibel klingen.
„Jetzt macht hier mal nicht so ein Geschiss“, Malik guckt mich mit einem aufmunternden Lächeln an, und ich fühle mich wie ein Kind. Habe ich ihm von meiner Pilzangst erzählt?
„Essen ist gleich fertig, deckt lieber mal den Tisch.“
Dankbar etwas tun zu können, gehe ich zum Schrank und hole Teller und Besteck.
„Müssen halluzinogene Pilze nicht zumindest leicht giftig sein?“, fragt Tessa. Sie nimmt die Teller, die ich auf den Tisch gestellt habe und verteilt sie.
„Vielleicht sollten wir den Tee dann lieber doch wegkippen“, sage ich.
„Was! Auf gar keinen Fall!“, ruft Joshi. „Der schmeckt richtig gut.“
Erst jetzt sehe ich, dass er am Herd steht und sich einen Löffel nach dem anderen reinschlürft.
In meinem Gedankenkarussell sehe ich, wie er zitternd am Boden sitzt, und wir ihn fesseln müssen, weil er versucht hat, einen von uns im Schlaf zu erwürgen.
Und alles nur wegen einem blöden Film. Den ich auch nur wegen Moritz Bleibtreu gesehen habe.
Malik stellt die Pilzpfanne und einen Topf mit Nudeln auf den Tisch, und wir machen uns über das Essen her. Die nächsten Minuten hört man das Schlürfen der Bandnudeln und das Kratzen der Gabeln auf den Tellern.
Ich versuche, nicht zu viele Pilze zu nehmen, wobei das für die Vergiftung dann wahrscheinlich auch schon egal ist. Es schmeckt jedenfalls fantastisch. Ich habe noch nie eine so gute Pilzsoße gegessen.
Wir loben Malik für seine Kochkünste, räumen die Teller weg und zünden die Kerzen an. Dann verfallen wir in Gespräche über das letzte Sommerfest an unserer Schule, B-Jugend-Spiele und die Partys auf dem Hof von Simonas Vater.
Es ist so viel passiert in den vier Jahren, die wir jetzt befreundet sind. Und so viel wird in den nächsten Monaten passieren.
„Auf uns und auf das nächste Wiedersehen“, sagt Malik und hebt sein Wasserglas.
„Auf die letzten vier Jahre“, sagt Tessa und tut es ihm gleich. Auch ich hebe mein Glas.
„Ne Leute, so können wir das echt nicht machen. Wir brauchen schon was Anstoßwürdiges.“ Joshi steht auf, nimmt den Pilzsud vom Herd und die Teebeutel raus. Tessa holt vier Tassen aus dem Schrank.
„Denkt ihr, ich sollte das rote Kleid mitnehmen oder doch lieber das schwarze? Das passt zu mehr Anlässen, aber ist halt auch langweiliger. Ich will ja nicht, dass sie denken, das ist meine Persönlichkeit, Schwarz.“ Tessa stellt die Tassen vor uns.
In zwei Wochen ist sie in Südkorea und arbeitet dort am Goethe-Institut. Joshi beginnt sein Praktikum in Berlin, und wer weiß, wie viel Malik und ich dann noch zusammen machen. Wir machen nie Sachen zu zweit. Obwohl ich mich mit ihm inzwischen fast besser verstehe als mit Tessa.
„Nimm doch einfach beide mit“, sage ich, während ich darauf achte, dass Joshi mir nicht zu viel von dem Tee einschenkt.
„Aber dann muss ich mich zwischen der weiten schwarzen Hose entscheiden und der weiten dunkelgrünen.“ Tessa zieht die Mundwinkel nach unten. „Es wäre echt so cool, wenn du mitkommen würdest.“
Ich nicke. Tessa hat mich wochenlang bearbeitet, dass ich mich mit ihr bewerbe, und ich weiß heute noch nicht, wovor ich so viel Angst habe. Tessas einzige Sorge scheint, dass sie sich gegen ein Kleid entscheiden muss.
„Lass anstoßen jetzt“, sagt Joshi und hebt seine Tasse.
Und weil der Moment so schön ist und ich ihn so in Erinnerung behalten will, und weil gerade alle etwas Neues wagen, nur ich in meinen alten Mustern hängen bleibe, und auch einfach, weil ich nicht mehr besorgt sein will, wegen all der Veränderungen und der Zeit ohne die anderen, und überhaupt.
Deswegen nehme ich die fast volle Tasse mit Pilztee entgegen, die Joshi mir reicht, und wir stoßen an.
Außerdem hat Malik mir vorhin noch zugeflüstert, dass der Pilz nur für halluzinogen gehalten wurde, das aber wohl gar nicht stimmt.
Der Tee schmeckt richtig gut und wärmt. Inzwischen dringt die kühle Abendluft durch die Ritzen der Hütte. Ich verschränke meine Hände um die Tasse.
Joshi grinst in die Runde.
„Und ich hab dich ja heute schon versucht umzubringen. Was soll da noch schlimmer werden, Sophie?“
Tessa verschluckt sich und hustet.
„Joshi! Sag sowas nicht. Nicht mal im Spaß.“
Nachdem wir den Tee ausgetrunken haben, holt Tessa die Flasche Wein, die sie mitgebracht hat, und Malik seinen Kräuterschnaps. Wir machen den Schnaps zuerst auf.
„Ey, du hast bei mir viel mehr“, beschwert sich Joshi und will uns allen nochmal nachschenken, aber Malik und ich ziehen unsere Gläser weg. Nur Tessa ist zu langsam.
Wir stoßen an, immer wieder, auf Tessas Abenteuer, auf Joshis Umzug, auf Maliks neues Studium, auf uns, auf früher, auf heute und auf die Zukunft. Ich lehne mich zurück und mache in meinem Kopf ein Foto von uns, an das ich mich immer erinnern kann. An die Euphorie und die Traurigkeit, an die Angst, dass es nie mehr so sein wird wie jetzt, an die Überschwänglichkeit und die Geborgenheit.
Dann verteile ich den Rest vom Pilztee in unsere Tassen, und Tessa öffnet den Wein.

Es ist weit nach Mitternacht, als wir beschließen, nochmal schwimmen zu gehen. Ich spüre nichts von den Pilzen, weder Magenschmerzen noch ein High. Und unser Essen ist jetzt schon ein paar Stunden her. Nur der Wein steigt langsam in meinen Kopf.
Wir leuchten mit Handylampen durch das Gestrüpp, etwas wuselt davon, aber ich bin zu unbeschwert, zu glücklich, zu geschützt zwischen den anderen. Es macht mir nichts aus.
Der See liegt glatt und schwarz vor uns. Der Fels, der ins Wasser führt, ist eiskalt, als ich mit meinen nackten Füßen darauf steige. Malik steht neben mir, Tessa auf der anderen Seite. Sie nimmt meine Hand.
„Wer den besseren Köpper macht“, fordert Joshi heraus, und Malik und er nehmen Anlauf.
Das Wasser spritzt unsere Beine nass.
„Was ist denn jetzt zwischen euch?“, fragt Tessa. „Ihr müsst das noch klären, bevor ich fahre. Ich kann doch den Beginn von eurem Bis-in-alle-Ewigkeit nicht verpassen.“ Sie drückt meine Hand. Auch wenn sie Witze macht, sie meint es. Manchmal frage ich mich, ob es leichter wäre, wenn alle sagen würden, wir passen nicht zusammen.
Joshi und Malik tauchen fast gleichzeitig und keuchend aus dem Wasser auf. Sie schwimmen auf den See hinaus.
„Nichts“, sage ich. „Zumindest nicht mehr als vorher.“
„Willst du nicht mal?“
„Er hätte mich längst gefragt, wenn er es wirklich will. Du kennst ihn, er würde fragen.“
Tessa atmet tief aus. „Schon, aber … ich weiß auch nicht. Er mag dich, du magst ihn. Ich versteh nicht, warum das so kompliziert ist.“
„Ich auch nicht.“
Tessa drückt meine Hand ein letztes Mal, dann geht sie ins Wasser. Ich folge ihr.
Das Dunkel umschließt meinen Körper, der unter der Oberfläche zu leuchten scheint. Trotz der Kälte gehe ich weiter. Tessa macht schon die ersten Schwimmzüge.
Malik und Joshi sind in der Mitte des Sees angekommen. Malik guckt zu mir, und plötzlich kommt eine Traurigkeit über mich, die nichts mit Tessas Abreise oder Joshis Umzug zu tun hat. Und auch nichts mit Malik.
Ich bin allein. Das Gefühl schwappt wie eine Welle über mich. Egal, wie schön der Moment ist, wie geborgen ich mich bei meinen Freunden fühle. Egal, ob Malik und ich zusammen kommen, oder ob wir uns nach heute nie wiedersehen. Am Ende bin ich auf mich gestellt. Am Ende wird niemand meine Hand halten, weil irgendwann jeder loslässt. Es gibt kein Bis-in-alle-Ewigkeit. Für niemanden.
Ich stelle mir vor, wie ich langsam untergehe, immer tiefer tauche und die anderen um mich herum weiterplanschen.
Das Wasser umschließt jetzt meine Taille. Ich tauche meine Hände unter und betrachte meine Handflächen, die hell schimmern.
Malik kommt auf mich zu. Er greift nach meinen Händen und zieht mich in den See, immer weiter in die Dunkelheit, bis das Wasser meinen Hals umschließt und meinen Körper verschluckt.
Malik dreht sich zu den anderen um und ruft Tessa etwas zu. Joshi lacht laut.
Er lässt mich los.
Ich spüre wie das Wasser meine Wangen erreicht, spüre die Kälte an meinen Lidern. Ich mache einen Zug nach unten, das Wasser gleitet an mir vorbei. Mein Haar fächert sich zu einem weichen Teppich auf.
Ich lasse mich sinken. Immer tiefer. Es geht so leicht. Ich spüre Maliks Hände auf meinen Schultern. Ganz sanft drücken mich seine Fingerspitzen weiter nach unten. Ich lasse die Augen geschlossen, weil ich weiß, dass er gar nicht da ist. Er hat mich schon längst losgelassen.
Und dann, als ich denke, mein Körper hält es nicht mehr aus, und jede Faser in mir schreit nach Sauerstoff, dann erreicht die Leichtigkeit auch meinen Kopf. Ich breite meine Arme aus, meine Haare streicheln über meine Haut. Diesmal gibt es keinen Arm, der mich umschließt. Niemanden, der mich aufhält.
Ich durchbreche die Oberfläche, meine Lunge füllt sich, und über mir leuchtet der Mond. So hell und so nah, dass es sich anfühlt, als würde er auf mich herabfallen.

Wir sitzen auf dem Felsen, die Handtücher halten die Kälte ein wenig ab. Die anderen quatschen und albern, aber ich bin still. Etwas ist anders.
In ihren Gesten, in ihrem Lachen, wie sie mich ansehen.
Als wäre nichts passiert.
Sie stehen auf.
Sie gehen ohne mich, denke ich für einen Moment. Dann merke ich, dass sie auf mich warten.
„Sophie?“ Malik streckt mir eine Hand entgegen. Ich greife danach und lasse mir aufhelfen. Und als ich in sein Gesicht blicke, ist alles wieder da. Als wäre ich in einem Parallelfilm gewesen, aus dem ich jederzeit hätte aussteigen können, aber ich war zu besessen darauf, allein zu bleiben.
Nichts hat sich verändert, außer, dass heute der letzte Abend ist, die letzte Nacht mit uns vier. Joshi fährt am Wochenende, Tessa ist übernächsten Mittwoch weg und Malik —
Aber vielleicht bleiben wir auch. Und sie kommen zu uns zurück.
Ich lasse seine Hand nicht los, bis wir bei der Hütte ankommen.

Wir spülen das Geschirr in einer Wanne ab. Joshi übertreibt mit dem Spülmittel. Malik und ich trocknen ab. Tessa hantiert am Lautsprecher und macht Maliks Old-School-Playlist an.
Ich glaube, es läuft Pink Floyd, als Malik seine Hände um meine Taille legt und mich im Wiegeschritt in den Raum führt.
Us (us, us, us, us) and them (them, them, them, them)
And after all we're only ordinary men
Me
And you (you, you, you)
God only knows
It's not what we would choose (choose, choose) to do (to do, to do)
1
Wir tanzen. Erst zu zweit, und dann zusammen. Wir springen und grölen und schütteln alle Müdigkeit ab. Wir legen die Arme umeinander und halten uns fest, werfen die Hände in die Luft und drehen uns, bis uns schwindelig wird, bis wir erschöpft auf die Matratzen fallen.
Nach dem Zähneputzen legen wir uns unter die dünnen Decken. Als die anderen schlafen, rutsche ich meine Matratze an Maliks heran. In meine Decke gewickelt kuschle ich mich an ihn und lege einen Arm um seinen Oberkörper.
Und selbst wenn mich keiner mehr hält, dann halte ich wenigstens dich.

Am nächsten Tag wache ich mit trockenem Mund und Kopfschmerzen auf. Tessa und Malik sitzen schon beim Frühstück, Joshi grunzt auf seiner Matratze.
Ich setze mich zu den anderen und tauche ein Milchbrötchen in die Tasse Kaffee, die mir Tessa einschenkt.
„Ich kann nicht fassen, dass es jetzt vorbei ist“, sagt sie. „Wir hatten so viel Zeit, den ganzen Sommer.“
Malik und ich nicken. Ich erinnere mich an gestern, an das Baden, wie mir Malik sein Handtuch um die Beine gewickelt hat. Ich blicke auf mein Knie, das Pflaster hat sich fast gelöst. Über der Wunde ist dunkler Schorf.
Ich erinnere mich an unser Lachen und die Stille nachts unter Wasser. Haare auf meiner Haut, Maliks Blick.
Keine meiner Sorgen hat sich bewahrheitet. Wir haben die Pilzpfanne vertragen und niemand hatte einen Trip.
Vielleicht hatte ich mehr Angst vor mir selbst, vor der Einsamkeit, die ich in mir trage und die in den nächsten Monaten auf die Probe gestellt wird.
Joshi quält sich aus dem Bett und trottet zu uns.
„Alter, ich habe sowas KRASSES geträumt.“
„Was?“, fragt Tessa.
„Wir waren nochmal im See. Erst dachte ich, Malik macht nur Spaß, aber dann hat er Sophie einfach nicht mehr losgelassen, und ich war auch im Wasser und hab nichts gemacht. Gar nichts. Ich bin einfach auf der Stelle geschwommen. Der Mond hat geleuchtet. Riesengroß. Und als ich dachte, jetzt tauchst du nicht mehr auf, bist du aus dem Wasser gesprungen.“ Joshi guckt mich an. „Und du hast geleuchtet, so von innen heraus. Aber bevor ich sehen konnte, ob du noch atmest, bin ich aufgewacht.“
„Krass“, sagt Tessa.
„Krass“, sagt Malik und er sieht mich ganz komisch an.
„So was Ähnliches habe ich auch geträumt“, meint Tessa. „In meinem Traum wollte ich Sophie helfen, aber mich hat irgendetwas zurückgehalten. Eine Kraft, wie ein Super-Magnet. Mehr als mit den Armen rudern konnte ich nicht, egal wie sehr ich es versucht habe.“
„Krass“, sagt Joshi. „Vielleicht war das der Pilztraum.“
„Lass abspülen“, sagt Malik und diesmal guckt er niemanden an.

Nach dem Abwasch ziehen wir die Betten ab und packen unsere Sachen. Dann machen wir uns an den Abstieg. Wir sind müde und die Stimmung ist irgendwie gedrückt. Malik hat seit dem Frühstück nichts mehr gesagt.
Joshi bleibt einige Meter von der Hütte entfernt stehen. Aber diesmal ist es mir ganz recht, dass er die Zeit hinauszögert. Der Abschied ist in viel zu greifbarer Nähe.
„Guckt mal. Die Raupe von gestern sieht ganz komisch aus. Als hätte man aus einem winzigen Luftballon die Luft rausgelassen.“
Und endlich löst sich jegliche Anspannung von uns. Wir lachen ausgelassen. Die Raupe sieht wirklich aus wie ein verschrumpelter Luftballon. So leer und so hilflos.
„Wie ein benutztes Mini-Kondom“, schiebt Joshi hinterher, als ich mich gerade wieder gefasst habe. Auch Malik prustet nochmal los. Joshi setzt sich mit Tränen in den Augen auf den Boden. Tessa legt den Kopf erschöpft auf meine Schulter.
Irgendwann gehen wir weiter, aber es dauert noch fast die Hälfte des Weges, bis wir alles aus uns herausgelacht haben. Sobald einer dem anderen in die Augen sieht, geht es wieder los.
Bald wird der Abstieg schwieriger, und wir müssen uns konzentrieren, nicht auf die lockeren Felsbrocken zu steigen. Nach der letzten Pause fallen wir in einen gleichmäßigen Trott, und ich bin überrascht, als hinter einer Biegung der Wanderparkplatz auftaucht.

Im Auto sucht Joshi die Playlist von gestern Nacht raus, und unsere Stimmung steigt von Kurve zu Kurve. Die engen Serpentinen machen mir nichts mehr aus, ich halte mich nicht fest, lasse mich von den Bewegungen des Autos mitreißen. Tessa nimmt mit jedem Beat Fahrt auf, wird schneller, bremst scharf vor der nächsten Kurve ab. Wir feuern sie an, sind erleichtert, dass unsere Stimmung am Ende doch noch so gelöst ist.
Dann geht es noch steiler bergab. Die Straße ist einspurig. Joshi dreht die Musik weiter auf. Wir wollen die Lautesten sein, die Schnellsten, die Mutigsten. Die nächste Kurve führt um einen Fels, die Musik ist zu laut, das Hupen des anderen Autos dringt nur im Unterbewusstsein an unsere Ohren. Wir müssen die Schnellsten sein, denke ich.
Tessa gibt Gas, lässt das Auto ein wenig schlittern, reißt das Lenkrad herum.
Als ich aus dem Fenster blicke, ist der Himmel tiefblau und der Mond schimmert pastellgelb über uns.
  1. Pink Floyd, Us And Them (Album: The Dark Side Of The Moon, 1973), Musik von Richard William Wright, Text von George Roger Waters © 2016 Pink Floyd Music Ltd. ↩︎

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